Pro traditionell gemalte Aquarelle

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Re: Pro traditionell gemalte Aquarelle

Beitrag von Eller » Mo 15. Jul 2013, 20:25

Ich halte es für sinnlos, "traditionelle" Aquarelle von anderen (modernen? neumodischen? wie soll man sie nennen?) Aquarellen zu unterscheiden. Und zwar aus dem simplen Grund, dass es gar nicht so leicht ist, da eine Grenze zu ziehen.

Was ist denn nun ein "traditionelles" Aquarell? Das, was Aquarellkünstler vor ein paar Jahrhunderten gemacht haben?

Das fängt schon beim Material an: geniale Aquarellisten wie z.B. Turner haben teilweise Pigmente verwendet, die heutzutage nur noch als Lebensmittelfarben oder in Kindertuschkästen verwendet werden, aber sich für künstlerische Tätigkeiten als schlichtweg untauglich herausgestellt haben. Dafür waren den damaligen Künstlern viele moderne synthetische Pigmente (z.B. die Phthalo-Farben) vollkommen unbekannt. Papiere mit Säure-Base-Puffer oder Schimmel-Schutz gab es (aus Sicht von Restauratoren: bedauerlicherweise) auch nicht. Sobald man irgendetwas davon verwendet, wäre es schon kein "traditionelles" Aquarell mehr.

Mir ist schon klar, was heutige "Aquarell-Puristen" unter "traditionell" verstehen: nur transparente Pigmente auf weißem Papier, ausschließlich dünner Farbauftrag mit dem Pinsel, kein Deckweiß, kein Schwarz. Allerdings ist selbst das nur eine heutige Mode, hat aber im Grunde nicht viel mit Tradition oder auch nur traditioneller Arbeitsweise zu tun.

Lustigerweise wären nach der Definition von "Aquarell-Puristen" ja sogar einige wirklich klassische Aquarelle gar kein "traditionelles" Aquarell. Dürer z.B. hat bei seinen (teilweise ja sehr berühmten - z.B. Rasenstück, Feldhase und so) Aquarellen konsequent Aquarell-Weiß benutzt. Turner bei seinen Bildern auf getöntem Papier teilweise auch. (Und extrem deckende Pigmente sowieso. Einiges würde sich mit heutigen Aquarellfarben gar nicht nachstellen lassen.) Müsste man die entsprechenden Bilder jetzt unter "neumodische Aquarelltechniken" abbuchen? Spätestens da würde die Sache mMn GANZ offensichtlich absurd, immerhin gehören die genannten Beispiele mit zu den bekanntesten (und Dürers Bilder auch noch zu den ältesten) klassischen Aquarellen... (Oh, und z.B. das mit dem Salz ist auch schon ziemlich lange bekannt. "Effektpinsel" auch. Und hält irgendjemand Spritztechniken für neu? Ernsthaft?)

Ich denke, wenn man sich mit berühmten klassischen Aquarellen ernsthaft auseinandersetzt und auch darüber nachdenkt, welche Effekte technisch wie gemacht worden sein müssen, merkt man recht schnell, dass die damaligen Künstler VIEL experimenteller und technisch abwechslungsreicher waren als man es ihnen heutzutage gemeinhin zutraut, sowohl was Materialien als auch was Maltechniken und Werkzeuge angeht.

Was heute als "traditionell" bezeichnet wird, ist heutiger Mainstream, nicht mehr und nicht weniger. Eine ganz spezielle Schule der Malerei, die von heutigen Kunstlehrern für gut befunden wird. :lol: Wohlgemerkt: ich habe nichts dagegen, wenn jemand so arbeiten möchte. Das möge jeder selbst für sich entscheiden. (Auch wenn "lustige Effekte" mMn KEIN adäquater Ersatz für mangelndes technisches Können sind! Man sollte schon irgendwie wissen, was man tut, egal, mit welcher Technik man bevorzugt arbeitet.) Nur ich selbst möchte mich nicht gerne freiwillig so einschränken. Schon gar nicht mit einem sachlich schlichtweg nicht haltbaren Hinweis auf "Tradition".

Didier
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Re: Pro traditionell gemalte Aquarelle

Beitrag von Didier » Fr 9. Aug 2019, 22:17

Googelt doch mal "Michael Triegel Aquarell" oder nach Aquarellen bzw. Gouachen von Maximilien de Meuron.
Buch:
https://www.amazon.fr/Maximilien-Meuron ... 2757210505
Folgende Benutzer bedankten sich beim Autor Didier für den Beitrag:
conny22 (So 11. Aug 2019, 09:26)
“Der wahre Nutzen der Kunst besteht in erster Linie darin, die eigene spirituelle Natur des Künstlers zu fördern.” George Inness

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