Ab wann ist ein Aquarell Mischtechnik?

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Ab wann ist ein Aquarell Mischtechnik?

Beitrag von Midge » Do 13. Dez 2018, 07:51

Ab wann ist ein Aquarell Mischtechnik?

Es wurde kürzlich im Forum die Frage gestellt, ab wann ein Aquarellbild nicht mehr als Aquarell zu bezeichnen ist, sondern als Mischtechnik.

Diese Frage ist nicht wirklich leicht zu beantworten, obwohl man an sich sagen könnte, dass ein Aquarell ein Bild ist, welches mit Aquarellfarben gemalt wurde. Soweit so gut. Aber was ist, wenn ich hier und da einen Tropfen schwarze oder weiße Tusche einfüge? Oder hier und da Erhöhungen mit weißer Gouache einfüge? Was ist, wenn ich es mit Aquarellstiften male?

„Joa“, sagt der eine, aber der andere sagt „Nope“ und sagt sogar zu Aquarellen, bei denen Maskiermedium zum Einsatz kam, dass es keine echten Aquarelle mehr seien. Ihr seht das Problem? Das ganze ist eine sehr, sehr subjektive Sache bei der man sehr weit ausholen kann. Die Grenzen verschwimmen immer mehr, zumal es mittlerweile ja nicht nur die klassischen Aquarellfarben in Tuben und Näpfen gibt, sondern verflüssigt in Fläschchen, als Pulver, in Kreide und in Stiftform, als Marker und als getränkte Papierblättchen etc..

Aquarellfarbe ist definiert über ihr Lösungsmittel und ihr Bindemittel: Wasser und Gummi Arabicum vermischt mit sehr hochwertigem, sehr fein gemahlenem Pigment (meistens) und sonst nichts. Vielleicht noch etwas Glycerin oder Honig. Aber das war‘s. Sobald man Kreide beimischt und die Pigmente weniger fein mahlt, erhält man Gouache. Ist das dann schon was anderes? Ich persönlich behaupte: Ja! Das Aquarell lebt in den meisten Fällen von seiner Transparenz (auch wenn es hier opake Farbnuancen gibt). Gouache lässt sich zwar auch lasierend auftragen, erreicht wegen seinem Kreidezusatz und der Grobkörnigkeit jedoch niemals die luftige Transparenz eines Aquarells. Die Auftragstechnik im Gouache ist auch eine ganz andere: man malt hier in der Regel von Dunkel nach Hell, im Aquarell von Hell nach Dunkel. Es ist also eher eine „Deckmalerei“ als eine „Lasurmalerei“. Hochwertige Gouachefarben können dennoch beinahe ebenso leuchtstark sein (deckend aufgetragen), wie hochwertige Aquarellfarben. Das soll hier keine Abwertung der Gouache sein, sondern nur eine Aufführung der Unterschiede. Also: Gouache ist definitiv eine andere Technik als Aquarell. Nicht schlechter oder besser, einfach nur anders. De facto also: eine andere Technik, die in die Rubrik "sonstige Techniken" gehört. Wird sie mit dem Aquarell verbunden, ist es Mischtechnik.

Dann gibt es die vielen Aquarellstifte. Fangen wir mit den wasservermalbaren Buntstiften z.B. von Faber-Castell, Derwent und Co. an. Diese enthalten in der Regel auch hochwertige Pigmente und Gummi Arabicum. Einige enthalten aber auch Wachs, damit sie besseren Halt als Minenstift haben. Das gleiche gilt für Aquarell-Kreiden. Sie alle würde ich jetzt noch als Aquarell gelten lassen, da sich mit ihnen auch transparente Lasuren erzeugen lassen und sie in der Regel keinen Acrylbinder enthalten. Pigmente enthalten auch die Flüssig-Aquarellfarben von Dr. Ph. Martin‘s (Hydrus Water Colors). Das sieht man schon daran, dass man die Farben vor Gebrauch erst ein wenig schütteln muss, weil sich die Pigmente in der Flüssigkeit (Gummi Arabicum mit Wasser) absetzen. Lasierend malen ist kein Problem damit. Volle Leuchtkraft und Transparenz. Aber die flüssigen „Aquarellfarben“ von Rohrer und Klingner enthalten als Bindemittel einen Acrylbinder. Sie sind zwar teilweise wieder anlösbar, aber das Acrylbindemittel darin widerspricht im Prinzip der Definition der Aquarellfarbe.

Ähnlich verhält es sich mit Flüssig- und Pulverfarben, die auf Farbstoffen beruhen (Ecoline, Brusho, Peerless). Hier sind keine Pigmente enthalten, sondern Farbstoffe. Oft ist hier gar kein oder nur wenig Bindemittel enthalten, das meist Gummi Arabicum ist, aber häufig auch ein Acrylbinder. Eigentlich müssten sie somit zu den Tinten gezählt werden. Der Unterschied zur Tusche: Tusche enthält Pigmente und Schellack oder Acrylbinder als Bindemittel und trocknet meist wasserfest auf.

Es geht noch komplexer: die Inktense-Kreiden und -farbstifte von Derwent sind wasserlöslich, aber werden aus den Komponenten von Tinten zusammengesetzt. Laut Hersteller trocknen sie wasserfest auf. Aber selbst, wenn sie nicht wasserfest auftrocknen - streng genommen sind es Tinten, keine Aquarellfarben.

Und was ist mit Acrylfarben, Tuschen, Tinten, Marker, Buntlack, Encaustic, etc. und mit Malmedien wie Leichtstrukturpasten? Und Collagen? :help:

Nachdem ich mir sehr viele Gedanken darum gemacht habe, entscheide ich jetzt für dieses Forum, dass ein Aquarellbild noch als Aquarellbild zählt, wenn es mit pigmentierten Aquarellfarben oder farbstoffbasierten Aquarellfarben (ob flüssig, pulverig, als Stift oder Kreide) gemalt wurde und das Bindemittel dabei Gummi Arabicum ist (mit Zusatz von Glycerin, Honig oder Wachs). Mit der Ergänzung, dass der zusätzliche Effekt-Einsatz von Fremdmedien wie Gouache, Tusche, Tinte, Acrylfarbe, Wachskreide, Encaustic, Embossing, Öl, Buntlack, Pastellkreide, Collage, Airbrushfarben etc. sich in minimalen Grenzen hält. Das heißt explizit: Es darf als grafischer Effekt, Linienführung und als feine Spritzer ins Bild integriert werden, sollte jedoch den Grundcharakter des Aquarells nicht beeinflussen. Wer eine Prozentangabe wünscht, so würde ich sagen: nicht mehr als 2-5 % des Werkes sollten mit diesen Fremdmedien bedeckt sein. Z.B. das nachträgliche Abdecken von Bildteilen mit weißer Gouache, um beispielsweise Schnee darzustellen würde bedeuten, dass das Bild in die Rubrik „Mischtechniken“ gehört. Wird ein nicht Aquarell-Papier in ein Aquarell integriert (=Collage), zählt es auch in die Mischtechnik, ist der Collageteil jedoch auch mit Aquarell gemalt, darf es in die Rubrik Aquarell gezählt werden.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal ausdrücklich klar stellen, dass ein Bild, das in dieser definierten Mischtechnik entstanden ist, keineswegs von schlechterer Qualität ist als ein reines Aquarellbild! Die Qualität ist hier absolut außen vor und irrelevant! Es geht lediglich um die Unterscheidung zwischen einem „reinem“ Aquarell und einem Aquarell, das in Mischtechnik gemalt wurde. Diese Unterscheidung dient dem Betrachter, sich besser ein eigenes Urteil über das Gemälde zu bilden und zu verstehen, wie ein spezieller Effekt zustande kam.

Ich hoffe, dass ich hiermit alle Unklarheiten beseitigt habe. Im Zweifelsfall behalten wir Admins und Modis uns das Recht vor, im Einzelfall zu entscheiden, ob ein Bild nun als Aquarell oder als Mischtechnik gewertet wird. Dies hat nichts mit „gefallen“ oder „nicht gefallen“ zu tun, sondern soll möglichst objektiv eine Rubrik-Zugehörigkeit entscheiden. Denn darum ging es bei der Frage hauptsächlich: Ab wie viel Fremdmedium in meinem Aquarell muss ich es in die Rubrik "Mischtechnik" stellen?

Vielen Dank für Eure Geduld und Euer Verständnis.
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Birgit62 (Do 13. Dez 2018, 08:58) • ulistol (Do 13. Dez 2018, 10:27) • Ultramarin (Do 13. Dez 2018, 11:16) • resiSen (Do 13. Dez 2018, 16:29) • aquarius (Do 13. Dez 2018, 16:42) • Julchen (Do 13. Dez 2018, 20:58) • GoldSeven (Sa 29. Dez 2018, 10:41)

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Re: Ab wann ist ein Aquarell Mischtechnik?

Beitrag von aquarius » Do 13. Dez 2018, 16:51

Hallo Midge,

das ist eine fabelhafte Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Aquarells bzw. der Mischtechnik! Für mich war es eigentlich klar, dass nur eine ganz minimale Hinzufügung von Guache oder Tinte sein darf.

Dass du mit deinen Admins im Endeffekt bestimmst, ob ein Aquarell zur Sparte Mischtechnik gehört, finde ich absolut okay.

Danke für deine Mühe, die du in diese Ausführungen investiert hast!
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Julchen (Do 13. Dez 2018, 20:58) • Midge (Fr 14. Dez 2018, 07:47) • ulistol (Fr 14. Dez 2018, 08:38)
Liebe Grüße von aquarius

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit (S. Kierkegaard)

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