Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Hier könnt Ihr über alles diskutieren (und auch mal Dampf ablassen), was mit dem Thema Kunst zu tun hat.

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Midge
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Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von Midge » Do 3. Feb 2011, 09:47

In einem anderen Thread hat sich ein Diskussionspunkt ergeben, den wir hier in einem separaten Thread neu aufgreifen und diskutieren wollen.

Es geht darum, ob es in Ordnung ist, für ein Aquarellbild z.B. ein Foto abzupausen, aufs Aquarellpapier zu übertragen und dann "auszumalen" bzw. künstlerisch weiter zu gestalten.

Hier schon mal die ersten Meinungen, die sich im Zuge der Erwähnung eines Lichtkastens ergeben haben:
oberlel hat geschrieben:zum lichtkasten: ich halte das für eine große selbstbeschwindelung. heraus kommen bilder die in sich stimmig sind aber den maler nicht zur sprache kommen lassen. mir sind bilder mit fehlern und der typischen bildsprache des malers zehnmal lieber als diese steifen, korrekten abmalungen. üben ist der schlüssel zum erfolg und auch die vorstellung des bildes üben, bevor noch ein strich am papier ist. es geht doch um malen und nicht um schlechtes kopieren.
MonaLieschen hat geschrieben:Das sehe ich genaus. Gerade wenn man malen lernen möchte, ist es doch wichtig frei Hand vorzuzeichnen bzw., gar nicht.
Dann kann ich zu Anfang halt keine schweren Motive malen und taste mich vor.
Im übrigen fände ich es auch nicht korrekt, wenn hier abgepauste Motive als frei gemalt deklariert werden.
Abpausen ist meiner meiner Meinung nach ein " No go ". :sorrytwo: :help: :help: :help:
Malmal hat geschrieben:Grundsätzlich einverstanden. Gutes freies Zeichnen braucht, ist man nicht als Zeichengenie geboren, viel Übung und Ausdauer.
Aber haben wir (ich in grauer Vorzeit :squirt: )nicht alle unser Interesse am malen/zeichnen zuerst mit abpausen entdeckt?
Im Forum sollte man offen damit umgehen, das vielleicht getrennt sehen und seine evtl. Freihandschwäche outen, um dann vielleicht mit brillantem Sinn für Farben und mit deren Umgang zu punkten.
So kommen auch ungeübte Zeichner zunächst zu befriedigenden Ergebnissen und entwickeln sich vielleicht nur von der entgegengesetzten Richtung zum gleichen Ziel.

Wie denkt Ihr darüber?
Könnte man ja bei Bedarf an anderer Stelle weiter diskutieren?

Klaus
Nun könnt Ihr hier ganz offen sprechen und Eure persönlichen Ansichten zu diesem Thema darlegen. Viel Spaß!

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von Midge » Do 3. Feb 2011, 10:09

Nun will auch ich gleich mal meine persönliche Meinung dazu kund tun.

Ich halte es durchaus für sinnvoll, schwierigie Motive auch abzupausen. Auch durch das Abpausen bekommt man Übung darin, wie bestimmte Motive aufgebaut sind und sich zeichnen lassen. Natürlich sollte man, wenn man im Zeichnen ungeübt ist, sich hin und wieder mal zwischen dem Aquarellieren eine Zeichenübungssession gönnen, damit das Freihandzeichnen zur Routine wird. Aber es ist für den Zeichenanfänger meist zu Beginn eine sehr zeitaufwändige und komplizierte Angelegenheit.

Zudem weiß ich es gerade auch von mir selbst, dass manchmal, wenn einem die Idee zu einem Bild kommt und man sich ein kompliziertes Motiv als Bildinhalt ausgesucht hat, einfach zuviel Zeit verloren geht, ein Objekt mühevoll freihand abzuzeichnen. Bis das Motiv dann gezeichnet ist, ist die Energie für das farbige Bild oft schon abgeschwächt. Abpausen geht schnell und ist einfach.

Letztlich geht es ja dann beim abgepausten Motiv auch gar nicht darum, es lediglich auszumalen. Man sollte auf jeden Fall darauf achten, dass man nur einen Teil des Aquarellbildes von einer Vorlage abpaust und die restlichen Bildelemente dann aus seiner Fantasie heraus komponiert. Ich denke, dann bleibt noch genügend Freiraum für die künstlerische Entfaltung des Individuums.

Was oberlel sagt, ist jedoch auch plausibel: ein gemaltes Bild darf auch mal ein paar kleine Fehler enthalten - dafür ist es ja auch ein Bild und die Sichtweise eines Künstlers von dem Motiv. Ansonsten kann ich mir ja gleich das Foto auf Leinwand drucken lassen und anschauen.
Ich denke aber, darum geht es gar nicht. Zumindest gehe ich da mal von mir aus. Für mich ist das Abpausen eines schwierigen Motives für meine gesamte Bildkomposition einfach eine Arbeitserleichterung. Trotzdem mache ich es mir nicht zur Gewohnheit, weil es in der Tat etwas von mir selbst im Bild zurückhält.

Einmal habe ich eine Freihand-Vorzeichnung von einem Motiv gemacht, die ist total in die Hose gegangen. Aus Frust hab ich einfach sofort den Pinsel genommen und freihand das gesamte Gebäude mit dem Pinsel vorgezeichnet. Das Ergebnis seht Ihr hier : Melrose Abbey. Mit meiner Freihandvorzeichnung hätte ich das nicht geschafft, aber der Frust darüber hat mir so viel Energie gegeben, dass ich es komplett ohne Vorzeichnung und ohne Abpausen geschafft habe. So kann es also auch laufen. :grinblue:
Trotzdem kam mir der Gedanke, dass ich das Bild auch hätte Abpausen können. Allerdings verliert man sich hier häufig in Details, die man eigentlich für das Aquarell nicht benötigt.

Mein Fazit: grobe Umrisse abpausen von schwierigen Motiven ist ok, wenn diese abgepausten Motive im Aquarellbild auf andere Weise arrangiert werden als es auf dem Foto oder der Vorlage erscheint, ist ok, wenn es mal schnell gehen muss und der Frust beim Freihandzeichnen zu groß ist. Ansonsten sollte man zuerst immer wenigstens versuchen, das Objekt freihändisch zu vorzuzeichnen und eine Komposition zu finden, die den Künstler in sich sprechen lässt.
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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von johamma89 » Do 3. Feb 2011, 11:28

Meine Meinung dazu:

Es kommt darauf an, was man erreichen will. Wenn es einem darum geht, frei realistisch zeichnen zu üben, macht es wenig Sinn abzupausen. Wenn es einem aber um das Endresultat geht, wieso nicht? Was macht da denn den Unterschied, ob man abmalt oder abpaust? Außer dass man beim abmalen, wenn man es nicht perfekt kann, Fehler macht. "Fehler"...das bedeutet man macht etwas falsch. Man kann natürlich auch absichtlich von der Vorlage abweichen. Aber das kann man sowohl beim Abmalen als auch beim Abpausen.

Allerdings möchte ich auch nochmal erwähnen, dass man nicht nur fremde Vorlagen abpausen kann mit einem Leuchttisch, sondern gerade auch eigene Vorlagen. Da ist dann auch nur die eigene Kreativität im Spiel.

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von oberlel » Do 3. Feb 2011, 12:46

Midge, deine Abbey ist gut geworden, finde ich.
Grundsätzlich, mir ist es primär egal wie jemand zu seinem Motiv kommt, für mich lehne ich es ab, weil ich einfach meine Malersprache in dem Bild nicht verlieren will. Was ist dabei, wenn ein Bild missglückt, nichts. Ich setze mich am Jahresende vor den Haufen Bilder und beginne zu sortieren. Bleibt, ein Stappel, weiß noch nicht, noch ein Stappel und in den Ofen, der höchste Stappel.

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von MonaLieschen » Do 3. Feb 2011, 12:55

johamma89 hat geschrieben:Meine Meinung dazu:

Es kommt darauf an, was man erreichen will. Wenn es einem darum geht, frei realistisch zeichnen zu üben, macht es wenig Sinn abzupausen. Wenn es einem aber um das Endresultat geht, wieso nicht? Was macht da denn den Unterschied, ob man abmalt oder abpaust? Außer dass man beim abmalen, wenn man es nicht perfekt kann, Fehler macht. "Fehler"...das bedeutet man macht etwas falsch. Man kann natürlich auch absichtlich von der Vorlage abweichen. Aber das kann man sowohl beim Abmalen als auch beim Abpausen.

Allerdings möchte ich auch nochmal erwähnen, dass man nicht nur fremde Vorlagen abpausen kann mit einem Leuchttisch, sondern gerade auch eigene Vorlagen. Da ist dann auch nur die eigene Kreativität im Spiel.
Hallo Johamma,
Kommt es nicht immer auf das Endresultat an ???
Für mich macht es einen Riesenunterschied, ob man abmalt oder abpaust. Es ist nämlich erheblich schwieriger einen Knick im Blütenblatt oder die richtigen Proportionen in einem Gesicht darzustellen, wenn es frei gemalt ist. Das ist eigentlich der Hauptgrund, warum ich angefangen habe zu malen.

Im übrigen hoffe ich, niemanden auf den Schlips getreten zu sein, weil ich diesen Stein ins Rollen gebracht habe. Natürlich kann es jeder handhaben wie er möchte. Ich war nur sehr erstaunt, dass solche Sachen überhauft angewendet werden. Hätte ich gewußt, das einige Bilder abgepaust sind, hätte ich sie sicher anders kommentiert.
Das ist meine Meinung dazu. :help: :hug:
Zuletzt geändert von MonaLieschen am Do 3. Feb 2011, 13:10, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von aquarius » Do 3. Feb 2011, 13:07

Das ist ein sehr interessantes Thema und wird oft - auch in meinem privaten Umfeld von Malfreunden - sehr kontrovers gesehen.

Ich selbst bin auch der Meinung, dass man sich bei komplizierten perspektivischen Motiven mit Hilfe von Kopierpapier markante Stellen anzeigen kann, von denen aus man die Vorzeichnung weiter entwickeln kann. Wenn sich jemand nicht zutraut, eine eigene Vorzeichnung zu malen und auf die Methode des Kopierens zurückgreift, sollte man das auch nicht ganz verdammen. Wenn man in seiner Malerei weiterkommen möchte, wird es irgend wann zu langweilig, zu kopieren und mit dem Ehrgeiz, etwas Eigenes zu machen, wird man später mehr und mehr darauf verzichten.

Ich selbst habe nur ganz am Anfang einige Motive gepaust und ich hatte keinen Spass daran, anderer Leute Bilder "nachzumachen". Ein Foto ist sowieso nicht dazu geeignet, denn es ist ja viel zu klein und ich zeichne meine Vorzeichnungen immer Freihand.


P.S.: Die Abbey ist fantastisch gelungen :ok:
Liebe Grüße von aquarius

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit (S. Kierkegaard)

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von johamma89 » Do 3. Feb 2011, 13:22

oberlel hat geschrieben:Was ist dabei, wenn ein Bild missglückt, nichts. Ich setze mich am Jahresende vor den Haufen Bilder und beginne zu sortieren. Bleibt, ein Stappel, weiß noch nicht, noch ein Stappel und in den Ofen, der höchste Stappel.
Die richtige Einstellung eigentlich - auch wenn ich persönlich immer Probleme habe, diese anzunehmen. Das schöne Papier... :grinblue:

@MonaLieschen:
Wenn es ausschließlich um das Endresultat geht, ist der Weg dorthin doch egal. Wieso sollte man den komplizierten Weg nehmen, wenn es auch einfach geht? Wenn man auf dem komplizierten Weg Übung mitnehmen möchte, dann macht er Sinn, klar. Dann geht es aber nicht mehr (nur) um das Endresultat, sondern (auch) um die Übung.
Ich finde es irgendwie absurd, etwas zu machen, nur weil es schwieriger ist...oder etwas danach zu beurteilen. Zudem denke ich, dass man den Schwierigkeitsgrad nicht absolut festlegen kann. Was ist denn schwer? Etwas haargenau freihand abzumalen? Oder selbst ein kompositorisch gelungenes Motiv aus vorhandenen abgepausten Motiven zusammenzustellen? Oder eine Idee in einem Bild zu vermitteln? Oder Gefühle? Oder ein Bild, dass man sich in seinem Kopf vorstellt, treffend aufs Papier zu bringen? Es gibt so viele Aspekte...

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von shumil » Do 3. Feb 2011, 14:04

erlaubt ist, was gefällt!

und zwar dem, der etwas macht - nicht denen, die zugucken

es kann keine no-go-norm geben, denn wenn das abpausen jemandem spass macht, dann soll er das doch tun - ob man sich dann nicht mehr 'künstler' nennen darf, weil man nicht mehr ins schema von anderen passt, ist ja auch wieder nur das problem der anderen
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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von Indigo » Do 3. Feb 2011, 14:11

sehe ich genau wie shumil, jeder kann das handhaben wie er mag, aber man sollte dann auch so ehrlich sein, wenn man die bilder von anderen bewerten lässt, wie hier im Forum, und es dazuschreiben (Vorlage abgepaust).
lieben Gruß
Helga

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Re: Motive abpausen - legitim oder ein "no go"?

Beitrag von Midge » Do 3. Feb 2011, 14:30

Stimmt. Ganz objektiv betrachtet ist es eigentlich völlig wurscht, wie ein Bild entstanden ist - abgepaust oder freihand. Hauptsache, der Künstler hat Spaß dabei.

Lediglich geht es doch dann eigentlich bei diesem Thema dann nur um die subjektive Empfindung, oder? Also wie handhabe ich das für mich ganz persönlich?

Ich denke auch, dass man niemanden "verurteilen" sollte, der es eben nicht "schafft" alles Freihand selbst zu zeichnen. Wie auch aquarius schon sagte, kommt man mit steigender Übung und Fortgeschrittenheit sowieso immer mehr davon ab, Dinge zu kopieren/abzupausen etc.. Das passiert automatisch mit dem Anspruch den man an sich selbst hat und natürlich auch mit den Fähigkeiten. Viele Künstler, die ich kenne, haben als exakte Zeichner und Maler mit teilweise fotorealistischem Anspruch angefangen und sind dann viel, viel später ins Abstrakte und Gegenstandslose übergegangen, was oftmals sehr viel über einen Künstler und seine Gefühle aussagen kann (auch wenn mir persönlich dieser Zugang häufig fehlt).

Was richtig ist und was falsch ist - wer kann das schon beurteilen? In der Kunst ist ja eigentlich nichts "falsch". Das ist ja eigentlich das Schöne daran: man kann sich die Welt erschaffen, wie man sie will. Es kommt letztlich immer auf den eigenen Anspruch drauf an. Ist es Absicht, dass eine Säule schief gemalt ist und Flecken hat oder ist es ein Versehen? Letzteres ist dann in der Tat ein "Fehler" - der aber letztlich auch wieder ein besonderer Blickfang für ein Bild sein kann.

Ist ne komplizierte Geschichte, finde ich...

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