Universaltechnik

Hat jemand eine neue Technik kennengelernt und möchte darüber berichten, kann er dies hier tun. Auch ausführliche Erklärungen zu alten Techniken und Varianten dazu können hier formuliert werden.

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Aaron
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Universaltechnik

Beitrag von Aaron » Mo 30. Mai 2011, 20:37

Ich habe mich heute kurz schon mit Midge über die Technik von Bernhard Vogel und Mattern unterhalten. Die erfreuen sich großer Beliebtheit, speziell die von Bernhard Vogel z.B. ist sehr komplex denn er benutzt so ziemlich jede Technik, die es gibt.

Alle Techniken bewegen in einem Feld zwischen grober "nass- in- nass- Malerei a la Emil Nolde und einer Mischtechnik, die beispielsweise ein Illustrator ausführlich anwendet, der für eine Fachzeitschrift technische Geräte oder Tierdarstellungen anfertigt.
Effektmittel wie Maskierfilm, Salz usw. würde ich als technologische Hilfsmittel und nicht als eigene Technik betrachten. Masking Film dient der Aussparung und fügt sich ganz locker in konventionelle Aquarelltechnik ein, bei der Helles einfach freigelassen wird.
Bei der urtümlichsten "nass-in-nass- Malerei" wird das Papier in Wasser eingeweicht und anschließend auf nicht saugendem Grund bemalt, z.B. einer glatten Küchentischplatte. Falls gezeichnet wird, muss das natürlich vorher geschehen. Das Papier wird kurz mit Tempotaschentuch abgerieben, damit nichts mehr tropfnass ist und wird dann bemalt. Konzentrierte Farbe "explodiert" auf der Fläche, verdünnte bildet Halos, wie Löschpapier, dass sich mit Tinte vollsaugt. Nolde hat sein Leben lang so gemalt, eventuell noch das getrocknete Ergebnis mit Zeichenfeder und schwarze Tusche bearbeitet.

Eine andere Technik besteht darin, das so getrocknete Bild nun einfach weiter zu bearbeiten und die erste "nass-in-nass-Schicht" als Untermalung zu benutzen. Zum Teil wird dazu das Papier erneut eingeweicht oder mit einem Pflanzenbesprüher feucht gehalten. Effektmittel wie Masking-Film setzt man immer dann auf das trockene/getrocknete Papier ein, wenn man eine Aussparung wünscht. Das kann ganz am Anfang sein oder beliebig später.
Aquarellisten arbeiten immer von hell nach dunkel und lasierend, die hellen Farben zuerst und dann immer dunkler werdend. Die ersten ganz hellen Farben könnten theoretisch auch deckend sein, da sich Transparenz erst durch übereinander gemalte jeweils abgetrocknete Schichten einstellt.
Ist man bei blauviolett angekommen und setzt noch mal Schwarz, müsste das Aquarell eigentlich fertig sein, denn nun ist es in den dunklen Bereichen für eine hellere, transparente Farbe zu spät, man würde sie nicht mehr als solche wahrnehmen.
Bernhard Vogel macht nun Folgendes: Er arbeitet zunächst mit sehr viel Wasser auf dem getrockneten Grund weiter und benutzt in einem weiteren Schritt Stifte und Deckfarben. Für die dunkeln Bereiche helle, deckende und für die hellen Bereiche dunkle.
An dieser Stelle gibt es eine Zäsur, denn das Aquarellprinzip kehrt sich jetzt um und wird zum Gouacheprinzip, das jeder aus der Schule kennt. Man mischt mit Deckweiß, lässt die hellen Bereiche nicht mehr frei, sondern arbeitet deckend.
Malt man nun immer weiter, ist das Ergebnis eine Gouache. Statt Gouache benutzen Einige auch Tusche.
Vogel malt aber sein Aquarell nicht wieder "kaputt" und macht es zu einem Wasserdeckfarbenbild, sondern er zieht über dunkle transparente Bereiche helle deckende Linien, Punkte und Spritzer. Dadurch wirkt es plastisch.
An jedem der einzelnen Arbeitsschritte kann man nun Lavieren, mit dem Schwamm arbeiten oder Bereiche abduschen, mit Tusche oder Zeichenfeder usw. arbeiten.

Jede Aquarellfarbe wird deckend, wenn man HKS Designer Gouache- Deckweiß von Schmincke beimischt, andere funktionieren leider nicht. Probiert es mal aus!
Übrigens ist Deckweiß mein Aquarellradiergummi!
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ulistol (Mo 30. Mai 2011, 20:37)

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Re: Universaltechnik

Beitrag von ulistol » Di 31. Mai 2011, 08:05

Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung! :ok:
Viele Grüße von Uli

Sabine
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Re: Universaltechnik

Beitrag von Sabine » Di 31. Mai 2011, 09:32

Interessant,vielen Dank

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Re: Universaltechnik

Beitrag von Midge » Di 31. Mai 2011, 10:09

Danke für die Infos. :ok:

Ich glaube, ich muss mich doch mal mehr mit Nolde beschäftigen. Wo hast Du das denn alles her? Gibt es ein Buch dazu, wo man das genau noch mal nachlesen kann? Ne Emil Nolde Bio oder sowas? Kannst Du da Literatur empfehlen? Kannst das gerne dann auch in der Rubrik "Bücher-Tipps" reinstellen.

Ist echt mal interessant zu erfahren, wie die Künstler so vorgehen.

Aaron
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Re: Universaltechnik

Beitrag von Aaron » Di 31. Mai 2011, 12:51

Gibt es ein Buch dazu, wo man das genau noch mal nachlesen kann?
Nicht dass ich wüsste, leider. Man muss es selbst rausfinden oder sich erzählen lassen. Künstler berichten eher auf 100 Seiten , wie sie von der Muse geküsst wurden oder eine Edelfäule in den Farben erzielen, als zuzugeben einfach das Papier 30 Min. in die Badewanne gelegt zu haben. Literatur als konkrete Malanleitung kenne ich nicht, die meisten wollen ja, dass man ihre Kurse besucht und plaudern nicht aus dem Nähkästchen.
Von Nolde habe ich mehrere eher teure Bildbände, die ich nicht empfehlen kann. Alles Rezensionen von Kunstwisenschaftlern ohne authentischen Gehalt. Leih Dir soetwas lieber aus oder kaufe Billiges mit möglichst vielen großen Abbildungen. Wenn man selbst malt, begreift man ja anhand der Bilder wie er ein Motiv angelegt hat.

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Re: Universaltechnik

Beitrag von Midge » Di 31. Mai 2011, 13:14

Aaron hat geschrieben: Nicht dass ich wüsste, leider. Man muss es selbst rausfinden oder sich erzählen lassen. Künstler berichten eher auf 100 Seiten , wie sie von der Muse geküsst wurden oder eine Edelfäule in den Farben erzielen, als zuzugeben einfach das Papier 30 Min. in die Badewanne gelegt zu haben.
:lolfloor: :lolfloor:
Aaron hat geschrieben:Literatur als konkrete Malanleitung kenne ich nicht, die meisten wollen ja, dass man ihre Kurse besucht und plaudern nicht aus dem Nähkästchen.
Naja, es gibt ja jede Menge zeitgenössische Künstler, die solche Malanleitungsbücher verfassen. Da habe ich auch ne ganze Reihe von. :grinblue: Mich würde es einfach mal von den "alten Meistern" interessieren, denen man eben nicht mehr über die Schulter schauen kann.
Aaron hat geschrieben: Wenn man selbst malt, begreift man ja anhand der Bilder wie er ein Motiv angelegt hat.
Meistens ist das korrekt. Aber hin und wieder begegnet mir dann doch ein Bild, wo ich keine Idee habe, wie der Künstler diesen oder jenen Effekt hinbekommen hat. Vielleicht bin ich dafür auch einfach noch nicht weit genug.

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